Enduro

Wildbiologe Sascha Wellig: «Fahre Wildtieren nicht hinterher»

Geschrieben von Maria Kobler-Wyer | Sep 22, 2026, 6:00:01 AM

Wildbiologe Sascha Wellig sagt im Interview, dass Störungen für Wildtiere besonders während der Setzzeit im Frühling und in der Winterzeit kritisch sind. Bikern rät er deshalb, die Bedürfnisse der Tiere zu respektieren und sich an die offiziellen Bikewege zu halten. 

Was brauchen Wildtiere in einer Tourismusdestination wie der Aletsch Arena für eine Umgebung, damit sie gut leben können?
Die Aletsch Arena bietet aufgrund ihrer natürlichen Beschaffenheit ideale Lebensräume für Wildtiere. Es ist wichtig, die von den Wildtieren bevorzugten Lebensräume zu erhalten und ausreichend zu schützen. Daneben brauchen die Tiere in ihren Lebensräumen auch die notwendige Ruhe und Sicherheit bzw. den Schutz vor übermässiger Störung durch den Menschen.

Wie stark beeinflussen Mountainbiker Wildtiere überhaupt – verglichen mit Wanderern, Hunden oder anderen Freizeitnutzungen? Mountainbiker können Wildtiere stören, sind aber nicht zwingend störender als Wanderer oder andere Freizeitnutzer. Entscheidend sind vor allem Geschwindigkeit, Abstand, Lärm, Tageszeit, Häufigkeit und ob die Wege verlassen werden.

Was passiert bei einem Wildtier konkret, wenn es von einem Biker überrascht oder aufgescheucht wird?
Werden Wildtiere gestört, reagieren diese meistens mit einer Fluchtreaktion. Dadurch werden die Wildtiere in eine Stresssituation versetzt und es wird Energie verbraucht. Je nachdem wird dadurch auch die Nahrungsaufnahme unterbrochen.

Hat sich der Umgang mit Freizeitnutzung und Wildtieren in den letzten Jahren verändert?
Insbesondere in der Corona-Zeit wurde ein Anstieg an Freizeitaktivitäten in der Natur festgestellt. Dieser Aufschwung hält weiter an. Durch die touristische Vermarktung hat insbesondere auch das Mountainbiken an enormer Beliebtheit gewonnen. Gleichzeitig wird versucht die Freizeitnutzer besser zu lenken und das Bewusstsein zur Rücksicht auf die Natur zu fördern.

Warum kann es vorkommen, dass ein Trail in einem gewissem Gebiet nicht befahren werden darf?
Eine Nutzungseinschränkung ist vor allem dann angebracht, wenn entlang des Trails Wildtiere leben oder besonders empfindliche Lebensräume vorkommen, die geschützt werden sollen.

Gibt es Tages- oder Jahreszeiten, in denen Störungen besonders kritisch sind?
Grundsätzlich gilt für alle Wildtiere und Vögel, dass Störungen während der Brut- bzw. Setzzeit im Frühling, während den Paarungsperioden (je nach Tierart unterschiedlich) sowie während der Winterzeit kritisch sind. Manche Tiere reagieren auch sensibler als andere.

Wie sieht es während der Jagd aus?
Die Jagd ist ein bedeutender Störfaktor für die Wildtiere. Es ist deshalb wichtig, dass das Jagdsystem auch den Schutz der Wildtiere mitberücksichtigt. Hierzu zählen beispielsweise die Ausscheidung von Jagdbanngebieten, in welchen die Tiere vor der Jagd geschützt bleiben. Im Wallis wird die Jagd ausserdem kurz intensiv betrieben, was den Vorteil hat, dass die Wildtiere nicht ganzjährig und insbesondere nicht während den kritischen Tages- oder Jahreszeiten durch die Jagd gestört werden.

Wie findet man den richtigen Mittelweg zwischen einem attraktiven Bike-Angebot und dem Schutz sensibler Lebensräume?
Die Jagdgesetzgebung bezweckt unter anderem den Erhalt der Artenvielfalt und der Lebensräume der einheimischen und ziehenden wildlebenden Säugetiere und Vögel sowie den Schutz bedrohter Tierarten. Wichtig ist, dass die Planung von Bike-Trails diesen Aspekten Rechnung trägt. Es ist deshalb zielführend, wenn die verschiedenen Interessenvertreter frühzeitig zusammensitzen, um die gegenseitigen Interessen und Erwartungen aufeinander abzustimmen.

Macht es einen Unterschied, ob Biker auf offiziellen Wegen bleiben oder auf inoffiziellen Trails unterwegs sind?
Offizielle Wege haben einen Homologierungsprozess durchlaufen, welcher zum Ziel hat die Biker zu lenken. Eine funktionierende Besucherlenkung ist wichtig, um die menschlichen Aktivitäten zu kanalisieren und den Wildtieren daneben die nötige Ruhe zu gewähren.

Was sollte ein Biker tun, wenn plötzlich ein Reh, Hirsch, Gämse oder ein anderes Wildtier auf dem Trail steht?
Man sollte ruhig bleiben und abwarten, bis sich das Tier vom Trail entfernt hat. Auf keinen Fall soll den Wildtieren hinterhergefahren werden.

Was können Bikerinnen und Biker ganz konkret tun, damit Biken und Wildtiere gut nebeneinander funktionieren?
Es ist wichtig, dass sich die Bikerinnen und Biker vorgängig erkunden, welche Trails homologiert sind und ob irgendwo saisonale oder tageszeitliche Nutzungsbeschränkungen gelten. In Eidgenössischen Jagdbanngebieten ist das Biken auf Wanderwegen beispielsweise ganzjährig verboten, sofern diese Wanderwege nicht vom Kanton Wallis als Bikewege homologiert wurden. Abgelegene Gebiete, in welchen Wildtiere vorkommen, sollten in der Nacht zudem nicht befahren werden.

Welche drei Verhaltensregeln würden Sie jedem Mountainbiker mitgeben?

  • Sich an die homologierten Bikewege halten

  • Sich vorgängig über die möglichen Einschränkungen / Sperrungen / Verbote Im Zusammenhang mit dem Wildtierschutz erkundigen

  • Respektiere die sensiblen Zeiten der Wildtiere.

Sind Sie in Ihrer Freizeit selbst auch auf zwei Rädern unterwegs?
Ab und zu ja, leider habe ich nicht viel Zeit dafür.

Wie sähe für Sie ein ideales Miteinander von Wildtieren und Mountainbikern aus?
Zentral ist das Verständnis und die Genügsamkeit des Menschen, dass Mountainbiken nicht überall und jederzeit stattfinden muss, sondern dort und so viel, dass die Bedürfnisse der Wildtiere in genügendem Umfang respektiert werden.