Johannes Tiebel war in Singapur, Montreal oder Bangkok und hat in London gelebt. Fünfsternehotels und Michelin-Restaurants waren sein zu Hause. Seit rund einem Jahr ist er Leiter Gastronomie und Mitglied der Geschäftsleitung bei der Aletsch Bahnen AG.
«Mein Onkel war Hoteldirektor in einem Fünfsternehotel», sagt Johannes Tiebel. Als Fünfjähriger besuchte er seinen Onkel im Hotel und war begeistert. Nach seiner Ausbildung arbeitete er in Fünfsternehotels und Restaurants mit mindestens zwei Michelinsternen. «Ich fand das Leben geil», schwärmt der 44-Jährige. «Im Hotel geht es jedem gut. Das finde ich unsagbar toll.» In London und Deutschland hatte er zudem Führungspositionen bei Restaurantketten inne.
Der gebürtige Deutsche wollte unbedingt vor 30 Hoteldirektor werden und hat es geschafft: Als 29-Jähriger übernahm er das Hotel Premier Inn Islington Angel neben Kings Cross und wurde jüngster Hoteldirektor der Kette in London. 2012 kehrte er nach Deutschland zurück und wechselte in die Gastronomie. Er arbeitete im Fünfsternehotel Deidesheimer Hof – dem Stammhaus des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl. «Dieser Job nahm zu viel Zeit in Anspruch», sagt Johannes. Er eröffnete die Betriebsgastronomie mit bei Adidas mit 3500 Gästen am Tag und war danach Gebietsleiter für diverse Kunden.
2020 erhielt Johannes Tiebel einen Anruf aus den Bergen: Er wurde Wirtschaftsdirektor bei der Zugspitzbahn. Doch kurz nach seinem Start herrschte wegen Corona Stillstand. Johannes und sein Team aus 150 Festangestellten meisterten die Herausforderung. Mit seinem Entscheid, in einem der 13 Restaurants ausschliesslich vegetarische Gerichte anzubieten, sorgte er für Furore. «Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe», sagt der Gastroleiter. «Sogar in England und Russland wurde darüber berichtet. Das hätte ich nie gedacht.»
Das vegetarische Restaurant wurde zum Erfolg. Johannes hat eine Eigenlogistik aufgebaut und Veranstaltungen geplant, die heute durchgeführt werden. Die Zeit bei der grössten Bergbahn Deutschlands bezeichnet er als prägend. Auf der Zugspitze hat Johannes seine Liebe zur alpinen Gastronomie und den Seilbahnen entdeckt. «Wir haben den Umsatz verdoppelt», sagt Johannes. «Ich konnte dort nicht mehr erreichen.»
Deshalb war er sehr dankbar für die Chance in der Aletsch Arena. «Die Schweiz ist die Wiege des Alpinsports und der Berggastronomie», sagt er. Die Gastronomie in der Aletsch Arena ist bedeutend kleiner als auf der Zugspitze. «Sie ist ein Rohdiamant und hat absolutes Potenzial», ist Johannes überzeugt. «Wir können hier viel bewirken.»
Zusammen mit seiner Frau und den zwei Söhnen wohnt er in Naters. Die Familie fühlt sich hier zu Hause und bereits mehr verwurzelt und angekommen als in Garmisch. «Im Vergleich zu Oberbayern ist das Oberwallis eine Kontaktbörse.» Er trage sein Herz auf der Zunge und seine Direktheit ecke teilweise an. «Aber meine Frau sagt, ich sei inzwischen beeindruckend ruhig geworden.» Statt «Ich kriege» sagt er «darf ich bitte», statt Fahrrad Velo und statt Eis Glace. «Wir bemühen uns sehr um Integration.»
In seinem ersten Jahr hat er vor allem die Grundstruktur im Hintergrund wie Einkauf, Logistik und Prozesse optimiert. Sein Fokus liegt auf lokalen Partnerschaften. Er will in den Restaurants Oberwalliser Produkte anbieten – etwa Rindfleisch aus Brig oder Egli aus Raron. Auf dem Bettmerhorn wird vegane Bolognese angeboten, die gut ankommt. «Aber die Walliser lieben ihr Trockenfleisch und ihre Hauswurst», sagt er. «Ich glaube nicht, dass die Akzeptanz für ein Vegi-Restaurant vorhanden wäre.» Nachhaltigkeit werde künftig aber eine grosse Rolle spielen für die Gäste.
Im Gegensatz zur Zugspitze, wo Gastronomie und Bahnen getrennt waren, fühle es sich bei der Aletsch Bahnen AG mehr wie eine Gesamtunternehmung an. «Am meisten überrascht hat mich das Miteinander, das gute Zusammenspiel zwischen Lift- und Bahnmitarbeitenden, der Technik und der IT-Abteilung», sagt Johannes. «Die Mitarbeitenden interessieren sich für andere Arbeitsbereiche. An Sitzungen wird nicht ausgerufen. Diese verlaufen zielgerichtet und sachlich.»
Für den Sommer ist die neue Open-Air-Konzertreihe Bettmerhorn Sounds mit Schweizer Künstler*innen geplant. «Ich freue mich sehr darauf», sagt Johannes. Mit den Konzerten könne man den Gästen einen Mehrwert bieten. Ebenfalls neu sind die Krimidinner auf der Riederfurka, die im Juli und August stattfinden. Besonders freut sich Johannes auf die neue Bahn und das Restaurant auf dem Eggishorn. «Das ist ein Leuchtturmprojekt, nirgends sonst sieht man so viel vom Aletschgletscher», zeigt er sich begeistert. «Mit diesem Highlight können wir auf Jahre hin einen Fussabdruck hinterlassen.»