Ausdauertraining in der Aletsch Arena: Das deutsche Nordic Paraski Team verbrachte zehn Tage im Trainingslager in der Region. Zu den Trainingseinheiten der sehbehinderten Biathlet*innen und Langläufer*innen gehörte auch ein anspruchsvoller Berglauf von Fiesch aufs Eggishorn.
Klack-klack, klack-klack – die Wanderstöcke schlagen auf dem Asphalt auf. Die Biathlet*innen und Langläufer*innen des deutschen Nordic Paraski Teams laufen auf dem Parkplatz in Fiesch los. Ihr Ziel ist das Eggishorn. Aussenstehenden fällt nicht auf, dass die Athlet*innen sehbehindert sind und nur etwa zwei bis drei Prozent Sehvermögen haben. Die Sportler*innen haben jeweils einen Guide dabei. «Der Guide ist ihr sehendes Auge», sagt der ehemalige Biathlet Rolf Nuber, der seit 2011 Biathlontrainer beim Deutschen Behindertensport ist.
«Mein Guide Matteo läuft voraus und macht mich auf Felsen, Stufen, Wurzeln oder Löcher aufmerksam», sagt Lennart Volkert. Der 23-Jährige gehört seit vier Jahren zum Nationalteam. «Beim Langlaufen sagt er mir die Kurven und die Technik an.»
Während breite Schotterwege keine grosse Herausforderung darstellen für Lennart, ist es über die Felsen schwieriger: «Ich gehe langsamer und taste mich mit den Füssen vor.» Ein Guide muss selbst eine gute Sportlerin oder ein guter Sportler sein, da er den Para-Athlet*innen vorauslaufen muss. Seit April begleitet Lennart Guide Matteo, der selbst als Langläufer aktiv war und den Sprung in den Weltcup knapp verpasst hat.
Nach rund anderthalb Stunden kommen die Athlet*innen auf der Fiescheralp an. Sie trinken Wasser und essen Riegel, danach geht’s direkt weiter Richtung Eggishorn. «Während Sehende gemütlich laufen können, haben Sehbehinderte eine höhere Körperspannung, weil sie nicht wissen, was sie beim nächsten Schritt erwartet», erklärt Physiotherapeutin Simone Boltz. Sie lockert die Spannungen bei den Athlet*innen mit viel Massagen und gibt ihnen Tipps, welche Übungen sie ausführen können, um Fehlhaltungen auszugleichen. «Es ist schön zu sehen, wie sich ihre Körperhaltung verändert, weil sie die Tipps beherzigen», sagt Simone. Die Sehbehinderten hätten ein anderes Körpergefühl und würden ihren Körper bewusster wahrnehmen.
Sie ist seit drei Jahren mit den Biathlet*innen unterwegs, davor betreute sie seit 1993 neben ihrer Arbeit Para-Schwimmer*innen während ihrer Ferien. «Ich habe viel Zeit investiert, aber ich hatte nie das Gefühl, meine Ferien zu opfern», sagt Simone. «Die Arbeit mit behinderten Menschen empfinde ich als sehr wertvoll.»
Am Mittag erreichen die deutschen Sportler*innen das Eggishorn. Blauer Himmel, strahlender Sonnenschein und ein beeindruckendes Bergpanorama mit dem Grossen Aletschgletscher erwarten sie. Wie nimmt ein sehbehinderter Sportler diese Umgebung wahr? Lennart sagt: «Ich sehe keine Details, aber ich erkenne, dass es schön aussieht und die Berge eindrücklich sind.» Bis zu seinem 12. Lebensjahr konnte er normal sehen. «Vielleicht kann ich mir deshalb besser vorstellen, wie es aussehen könnte.» Innert eines halben Jahres verlor aufgrund einer genetischen Erkrankung dann fast sein Augenlicht. «Das erste Jahr war schwierig», sagt er. «Aber jetzt bin ich ziemlich happy.»
Der Sport habe ihm sehr geholfen. Als Sechsjähriger stand er erstmals auf Langlaufskis. Nachdem er wegen seiner Sehbehinderung das Fussballspielen aufgeben musste, meldete sich der Biathlonfan für einen Probelehrgang des Parasports im Biathlon. Bei den Paralympics im März landete er dreimal auf dem vierten Platz. «Mein Ziel ist es, eine Paralympics-Medaille zu holen», sagt der Psychologiestudent.