Auf dem Aletschplateau gibt es drei Dutzend Bahnanlagen. Anton Franzen hielt fast jede Schraube davon schon in den Händen. Der 60-Jährige von der Bettmeralp ist Seilbahner durch und durch.
Wenn die ersten Wintersportler*innen in der Aletsch Arena mit dem Fleschlift in die Höhe und über die ersten Pistenkilometer hinunterfahren, dann freut sich auch Anton Franzen. Alle nennen ihn hier den Toni. Er ist der Technische Leiter der Aletsch Bahnen. Franzen begann seine Karriere vor 40 Jahren als Pistenfahrzeugfahrer.
Bilder: Daniel Berchtold/pomona.media
Heute ist er Chef über 36 Bahnanlagen. Und hilft bei der Verwirklichung des nächsten grossen Walliser Bergbahntraums: dem Neubau der Bahn von der Fiescheralp auf das Eggishorn. Im Herbst 2027 soll der Neubau stehen. Inklusive einer Art hydraulisch verschiebbarer Anker-Vorrichtung. Auf fast 3000 Meter über Meer sorgt der tauende Permafrost dafür, dass sich die Ingenieure aus der Seilbahnbranche etwas Neues einfallen lassen mussten.
Wobei, so neu sei das gar nicht, sagt Toni Franzen. Eine ähnliche Technik wurde bereits 2015 bei der Moosfluh-Bahn verbaut. Trotzdem sei das schon ein ziemliches Projekt. «Mittlerweile sind die Planungen schon weit fortgeschritten», sagt Toni Franzen. «Detailarbeiten» stünden an. Das bedeutet, dass der Laptop immer im Rucksack dabei ist: «Pro Woche kommen einige Sitzungen zusammen», sagt der langjährige Technische Leiter.
Toni Franzen sah in seiner Karriere viele neue Bahnen kommen. 1986 fing er auf der Bettmeralp an. Schon sein Vater Heinrich war auf der Bettmeralp für die Anlagen und Lifte zuständig. «Mich faszinierte die Seilbahntechnik schon als Kind», sagt Toni Franzen. Er wuchs mit drei Geschwistern auf. Schwester Daniela wurde Lehrerin, Bruder Stefan gründete eine Firma. Und Christof? «Den zog es schon früh in die Welt, mit 18 ging er nach Kanada», sagt Toni. Während Christof Franzen später vor allem als Russland-Kenner und für seine spannenden TV-Reportagen bekannt wurde, blieb Bruder Toni auf der Bettmeralp.
Er wurde Seilbahnfachmann. Und 2018 übernahm er die Gesamtleitung für die Anlagen auf der Riederalp, Bettmeralp und Fiescheralp. Durch die Fusion auf dem Aletschplateau entstand eine der grösseren Bergbahngesellschaften im Wallis: 16 Pistenfahrzeuge, 36 Liftanlagen und mehr als 350 Schneeerzeuger. Mehr als 180’000 Franken kostet ein einziger Betriebstag in der Hochsaison im Winter. Wird man da nicht nervös? «Nein», sagt Toni Franzen. «Genau dafür bereiten wir uns ja in der Zwischensaison vor.»
Mehr als 55’000 Punkte an den einzelnen Pendelbahnen, Sesselbahnen und Gondeln kontrollierten Toni Franzen und seine Kollegen während der vergangenen Wintersaison.
Wichtig für einen reibungslosen Ablauf im Winter sind vor allem auch die Revisionsarbeiten. Bevor Tausende von Gästen im Winter mit den Bahnen nach oben fahren, prüfen die Mitarbeiter sprichwörtlich jede Schraube. Auch die Seile werden fachmännisch überprüft. Früher mit blossem Auge, heute mit einer Spezialkamera. Die Aletsch Bahnen haben sie vor einigen Jahren angeschafft und vermieten sie auch an kleinere Bahngesellschaften zur Seilprüfung. Allerdings nur mit dem dazugehörigen Spezialisten der Aletsch Bahnen.
Die Fusion, die habe einiges an Vorteilen gebracht, sagt Toni Franzen. Egal ob Diesel, Schmieröl, Ersatzteile für die Bahnen und Schneekanonen: Mit den grösseren Strukturen könne man von besseren Konditionen bei den Lieferanten profitieren, sagt der Technische Leiter.
Im Schnitt alle zwei Jahre steht eine grosse Instandstellung bei einer der Bahnanlagen an. Dieses Mal ist die Pendelbahn von Mörel auf die Riederalp an der Reihe. Toni Franzen bittet in den Maschinenraum. Eine Elektrikerin prüft die Erdung des neuen Geländers. Es kleidet die beiden grossen Antriebsräder der Bahn aus.
Die beiden je sieben Tonnen schweren Räder wurden per Lkw nach Goldau gebracht. Dort wurden sie revidiert und instand gesetzt. Auch die gesamte Steuerung wurde ersetzt.
Insgesamt investierten die Aletsch Bahnen hier 2,5 Millionen Franken. «Viele Teile sind für die Ewigkeit gemacht», sagt Toni Franzen. Und wenn dann doch mal was kaputtgeht, dann helfe man sich aus. Er zeigt auf ein Bauteil am langen Pendelarm der Gondelkabine und sagt: «Das da oben, das war mal in Schweden.»
Als bei einer baugleichen Bahn im schwedischen Åre das entsprechende Teil einen Schaden durch Eis erlitt, meldete sich der Hersteller bei Franzen. «Wir hatten noch ein Teil übrig und konnten es so lange nach Schweden ausleihen, bis das neue Teil fertig war», sagt Franzen. Schliesslich wünsche man niemandem, dass man mitten in der Hochsaison auf ein wichtiges Bauteil warten müsse. Deutlich länger als auf Ersatzteile muss der Technische Leiter warten, bis die Bewilligung für eine neue Anlage da ist. Dabei macht auch das Prestige-Projekt aufs Eggishorn keine Ausnahme. Einsprachen und Kritik dürfe man nicht persönlich nehmen, sagt Toni Franzen. Wichtig sei zudem in seinem Job, dass er wichtige Entscheide nicht gleich treffe: «Einmal drüber schlafen, das ist nie verkehrt», sagt Franzen.
Und was tut Toni Franzen, um sich zu erholen? «Ich staubsauge.» Zusammen mit seiner Frau Karin vermietet er daheim auf der Bettmeralp Ferienwohnungen. Beim Mieterwechsel am Samstag putzen die beiden die Wohnungen. Am eigenen Haus gebe es immer etwas zu tun. Und dann gebe es noch die Möglichkeit, zu den Schwiegereltern ins Berner Oberland zu fahren. «So kann ich gut abschalten.»
Franzen ist 60-jährig, arbeitet seit 40 Jahren bei der gleichen Firma. Das ist nicht selbstverständlich. Der Mann, der bei den Bahnen auf dem Aletschplateau jede Schraube kennt, ist deshalb für das Unternehmen von grossem Wert. Bergbahndirektor Valentin König sagt: «Seine immense Fachkompetenz und seine langjährige technische Erfahrung sind gerade beim Grossprojekt Eggishorn unersetzbar.»
Was aber, wenn die Generation der loyalen «Babyboomer» nach und nach in den Ruhestand tritt? Gerade dafür investiert man bei den Aletsch Bahnen in die Ausbildung junger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sagt Valentin König: «Für die Sicherstellung einer genügenden Anzahl und Breite von technischen Fachkräften bei einer Bergbahnunternehmung ist die eigene Ausbildung von geeigneten Mitarbeitenden matchentscheidend.»
Auch wenn sie der Technische Direktor nach der Lehre gerne eine Zeit lang in die grosse Welt schickt. «Wir finden es wichtig, dass nach den Lehrjahren einige Wanderjahre folgen», sagt Anton Franzen. Viele kämen danach gerne zu den Aletsch Bahnen zurück.